Pier

Die tagebaubedingte Umsiedlung der Ortschaft Pier wurde 2014 abgeschlossen.
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Zur Erinnerung an diese Ortschaft lesen Sie hier weiter:
Die Ortschaft Pier bestand bis 1806 aus zwei einzelnen Dörfern: Pier und Bonsdorf. Beide Orte hatten einen eigenen Pfarrbezirk mit Kirche und Friedhof. 1844 wurde die alte Bonsdorfer Kirche abgerissen; der die Kirche umgebende Friedhof blieb jedoch bestehen. Beerdigt wurde hier noch bis 1947. Bonsdorf umfaßte lediglich die heutige Bonsdorfer und Jakobstraße sowie Haus Pesch. Viele Sagen und Legenden ranken sich um die "Zwillingsdörfer" Pier und Bonsdorf.

Zu Pier gehören auch Pommenich, Haus Verken und die Siedlung Vilvenich. Der ehedem dem Herzog von Jülich gehörende Vilvenicher Hof mit der Kapelle St. Helena ist wohl die Keimzelle des Weilers.

Pier ist ein sehr altes Dorf. Mit Sicherheit war es schon in fränkischer Zeit besiedelt, ist aber  möglicherweise sogar noch älter.

Auf religiösem und wirtschaftlichem Gebiet hängt die Geschichte Piers eng mit den Klöstern Gerresheim bei Düsseldorf und dem Ursulastift in Köln zusammen, aber auch mit den Abteien Brauweiler und Siegburg.

Besondere Bedeutung erhielt Pier dann im Laufe der Jahrhunderte als Hauptort des Dingstuhles Pier-Merken. Erstmals im 14. Jahrhundert urkundlich erwähnt, gehörte der Pierer Dingstuhl dem Herzog von Jülich. Die Pierer Schöffen richteten und entschieden an diesem niederen Landgericht unter dem Vorsitz eines Schultheißen über die Bewohner der Dörfer Pier, Bonsdorf Merken, Vil- venich, Pommenich, Lucherberg, Teile von Luchem, Jüngersdorf Stütgerloch und Schophoven, aber auch über die Häuser Merödgen, Müllenark, Pesch und Verken. Das älteste Siegel des Dingstuhls ist heute in den Pierer Farben Blau-Weiß das Wappen der Gemeinde Inden. 1794 wurde der Dingstuhl von der französischen Besatzung aufgelöst und in etwas anderer Zusammen- setzung in die Bürgermeisterei Pier umgewandelt.

Es klingt zwar widersprüchlich, aber entspricht den Tatsachen: Das geschichtsträchtige Dorf Pier ist eigentlich der jüngste Ort der Gemeinde Inden. Und das hat einen traurigen Grund:

"Not a stone upon a stone"" Nicht ein Stein auf dem anderen " verkündeten die Sieger eher frohlockend denn klagend über "Pier/Germany" nach dem Zweiten Weltkrieg. Doch selbst das verheerende Kriegsschicksal haben die Pierer abgeschüttelt und sich " bis heute " auf alte Tugenden besonnen. Der sofortige Wiederaufbau und Neuanfang war eine Selbstverständlichkeit. Spaziert man heute durch die Straßen, spürt man schnell: "Pier is e schmuck Dörp." Darauf sind die Einwohner stolz " zu Recht.

Stolz spielt im zweitgrößten Ort der Gemeinde Inden ohnehin eine wichtige Rolle. Pierer sind durch und durch eigenständig, legen Wert auf ihre Selbständigkeit. Dass man das in der Nach- barschaft mitunter mißverstand, stört in Pier herzlich wenig.

Das Selbstbewußtsein der Bevölkerung ist belastungsf"ähig und schier unumstößlich. Die ausge- prägte Eigenständigkeit der Ortschaft, die wenige Jahre nach der Jahrtausendwende dem Braun- kohlentagebau weichen muß, hat ihren Grund. Egal aus welcher Himmelsrichtung man sich Pier nähert: der Passant oder Besucher reist vorbei an ganz überwiegend landwirtschaftlich genutztem Flachland. Im Fachjargon attestieren Geographen dem Dorf eine "exponierte Lage". Die weiträumigen Grenzen finden in durchaus wohlhabenden Großbauern von einst ihre einleuchtende Erklärung.

Aber was ist eigentlich "Pier"" Rein juristisch zählen Siedlungen wie Vilvenich (mit der Helenen- kapelle) oder " noch weiter entfernt "op dr schäl Sick"" das Gewerbegebiet zum Dorf. Auch Pommenich ist inzwischen ein integrierter Teil des Ganzen, in den Köpfen freilich längst nicht "eingemeindet". Der Ort entstand aus Bonsdorf und eben Pier selbst. Diese Unterschiede werden ernst, aber nicht zu ernst genommen. Daß sich die Bewohner von Vilvenich eher Merken zugehörig fühlen, nimmt man ihnen nicht übel.

Die Bevölkerung hat ihre klassische Bindung an den Altkreis Düren nie verloren. Obschon es nur ein Katzensprung bis Jülich ist, bleibt Düren das dominierende Zentrum. Auch Eschweiler ist den Bürgerinnen und Bürgern von Pier ziemlich sympathisch.

Ein hohes Maß an Infrastruktur bescherte im Dorf stets hohen und zu früheren Zeiten unüblichen Komfort. Der Straßenbahnanschluß ließ Pier für viele Menschen in der Umgebung zu einem Knotenpunkt werden, wenn der auch heute nicht mehr existiert. Wie hieß es so schön: "Man kam zu uns."

Landwirtschaft spielt bis heute eine wichtige Rolle und verschaffte den Einwohnern bis vor wenigen Jahrzehnten ein gerüttelt Maß an Unabhängigkeit. Dieses innere Bedürfnis im Ort spiegelt auch eine Vielzahl von Vereinen wider " samt Feuerwehr heute noch 15 an der Zahl. Zum Beispiel die Maigesellschaft "Pier-Pommenich"" man beachte den feinen Unterschied "" die historischen St.-Sebastianus-Schützen mit ihrer ehrgeizigen Sportabteilung, der FC Viktoria, die KG Rot-Weiß und, und, und. Eine Vielzahl von musikalischen Vereinigungen " vom Kirchenchor bis zur Bayernkapelle " verdeutlicht überdies die rheinischen Wurzeln der Pierer. Gesellige Stunden weiß man hier zu schätzen. Davon zeugen nicht zuletzt fünf Gastwirtschaften im Ort.

Die waren allerdings stets auch gesellschaftliches Symbol. Es ist noch gar nicht allzu lange her, da trafen sich die Pierer besonders gern mit Gleichgesinnten. Denn auch die einzelnen Schichten der Bauernschaft und des Bürgertums fanden in durchaus unterschiedlichen Treffpunkten ihren Ausdruck.

Die Pierer Heimat war und ist die Rurerde. Doch weder die ausgeprägte Heimatverbundenheit, noch das intensive Bemühen um Unabhängigkeit trübten den Realitätssinn der Bevölkerung. Als so das Schicksal Umsiedlung bekannt wurde, regte sich selten Widerstand über die Frage "Ob", sehr wohl aber über das "Wie". Man wollte halt in den Entscheidungsprozeß eingebunden werden und tolerierte keine Entscheidungen über alle Köpfe hinweg.

Das sah man auch " von Amts wegen" schnell ein. So wird auch nach den in einigen Jahren an- stehenden Umsiedlungsprozeß das Pierer Selbstbewußtsein weiterleben. Denn dieser Wert scheint im aktuell 1575 Einwohner zählenden Ort ganz tief in der Seele zu sitzen.

 
 

 
 
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